Interviews

Interview by Elda Di Matteo / AddictiveNoize in 2007:

TALVEKOIDIK
“Silent Reflections”
(Brume Records)

Visionary soundtrack for experimental electronic poetry.
Saying that the creative mind behind Talvekoidik is the same from the rhythmic noise project S.K.E.T. is absolutely a negligible detail. Talvekoidik is far from being a side project, it is a fresh expressive reality that flows from the same individuality and completes it with the same strength. Listening to “Silent Reflections” is like dreaming an inner film rich in airy shots and wide views that fills up with thrills and move to emotional tears. The continuous contrast between harmonic sensitiveness and the wonderful rhythmic work welcome the restless and shocking throbs of experimental industrial syncopation, it excites the epic pursuit among wind instruments, strings and piano within a magnificent superb explosion of timbric colors, crescendos, diminuendos and noisy emotional scenarios able to take your breath away. The cinematic strenght is soaked in digital sizzling mechanisms and sine waves that keep estranged from reality and expand in impressive classical symphonies, in the lyrical and ethnic romanticism of the lashing Nordic wind, as well as in the tribal silence of the desert wrapped in the refined lights of a dreamy metropolitan hi tech oasis. Three remixes (the one from 16PadNoiseTerrorist seems to be the funniest and most original) complete an unmissable debut.

And here follows a short interview with Talvekoidik:

AN: Your logo is the Möbius strip, a non orientable surface. This property could also be directly connected with your music. Can you please explain what is the relation between Talvekoidik and the Möbius strip?

TK: The Möbius strip is very fascinating to me. It´s the only endless thing you can hold in your hands. It´s the only object with only one surface. Whenever you move forward on it, sooner or later you will end up on the point where you have started. This symbol is a reminder for me to stay focused while writing tracks for talvekoidik. It´s necessary to stay focused if you want to develope a track to its end, to perfection. I don´t like limits and I dont like compromises. But sometimes I am too lazy or demotivated to go a step further. The Möbius strip should motivate me to make a step forward in such situations, to leave comfort zone.

AN: The creative process implies a necessary abstraction from reality, a deep inner trip within one´s own self, which is particularly intense in your debut album. If S.K.E.T. is clearly involeved in political matters as far as the concept goes, Talvekoidik is more “poetic” and lyrical. Which dream/vision/imagery does Talvekoidik´s music come from?

TK: Talvekoidik is a way for me to express things I can´t explain with words. It´s another language. I don´t have a clear concept for the music, no rules, no formula. This music comes directly out of my mind and the sound depends on my emotional situation while I make music. It´s not a forced process, there is no force behind it. I just let myself go. Things I see and feel are a big influence of course, as well as things I imagine. But it´s all driven by a yearning for living, for breath, for an enlightened mind, for the ease of being in contrast with reality.

AN: Can you point 1 advantage and 1 disadvantage of being an electronic/idm project in 2007?

TK: An advantage is definitively the freedom of creativity as it always happens in “new” cultural movements. There are masses of artists, very billiant minds, most of them with a unique shape of sound, people who like to be experimental. There is a lot of confidence in this school of sound and it is very interesting to discover this wideness of different approaches. This is also a very huge disadvantage (of course not for me) because the peripheral enviroment like magazines, promoters, booking agencies and labels do not like this fact. I think because it´s hard to calculate the profit they may make and so they wait until the risk is easy to calculate and the musical uniqueness is morphed into boredom by acts who cook always with the same recipe to satisfy the mass-market.

AN: You have a great passion for architecture. What would be the perfect architect to describe Talvekoidik music in shapes and colors?

TK: This is a good question! I don´t want to offend these architects with my statement. I don´t see myself on the same level of expertise as they are but projects of Zaha Hadid and Coop Himmelblau have always been a big inspiration for me. I adore their work but it is too huge and too brilliant to bring my music in a relation with their work.
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Elda di Matteo / AddictiveNoize

 

Interview Bodystyler-Magazin 2012:

Talvekoidik
Überwinde die Schlucht

23.06.2012 – Symbiosen geht jeder Mensch ein. Unter einer Symbiose versteht man ganz allgemein das Zusammenwirken zweier Systeme zum beiderseitigen Vorteil. Irgendwann hat einer mehr Nutzen als der andere. Dann geht der eine Teil vom anderen oder er verdorrt. Über das nun mittlerweile zweite Album von Talvekoidik spricht Kai Christian Hahnewald alias S.K.E.T. mit uns, vor allem über das Überwinden von Distanzen: Von: Manuela Seiler

 

KAI HAHNEWALD: Hallo Manuela! Vielen Dank für die netten Worte und für die Gelegenheit.

 

BODYSTYLER: Gern geschehen! Kai, was meinst Du, wann haben wir verlernt, auf die Stimme der Natur zu hören („The Tree Knows A Secret“)?

 

KAI HAHNEWALD: Der Gedanke hinter dem Titel war eigentlich ein anderer. Gewiss macht es Sinn, auf die Natur im Allgemeinen „zu hören“, wenn damit ein Umdenken und eine Reflektion des eigenen Handelns gemeint ist. Es wird ohnehin zu wenig gedacht. Der Mensch fristet ein, gemessen an anderen Lebewesen, relativ kurzes Dasein. Aber den „Schaden“, die „Spuren“ die er dabei hinterlässt, sind enorm. Mir ging es bei dem Titel aber eher um die Vergänglichkeit, um die Bewegung und um das Bewusstsein des Menschen und die Unruhe, die sich daraus ergibt. Der Titel ist metaphorisch gemeint und beschreibt den stillen Beobachter, dessen Dasein länger währt, als das unsere und aus dessen Wesen und Erfahrung wir Wissen und Erkenntnis schöpfen sollten. Damit ist weniger lernen oder gelehrt werden gemeint, sondern Selbstreflektion.

 

BODYSTYLER:„Curtis Went Away, As Nobody Listened“ wirkte auf mich sehr bedrohlich. Nicht nur der Songtitel an sich, der auch etwas Melancholisch-Hilferufendes an sich hat, sondern auch die Melodik, der Verlauf der Handlung, das Schema. Wann haben wir verlernt, richtig zuzuhören? Nehmen wir überhaupt noch unsere Umwelt richtig wahr?

 

KAI HAHNEWALD: Das ist ein guter Punkt. Ich denke, dass wir derzeit Bindungen auf einem eher oberflächlichem Niveau eingehen. Der heutige Zivilisationsgrad ermöglicht uns ein umfassend autonomes Dasein. Auch fehlt, denke ich, den meisten die Zeit und die Geduld, die Persönlichkeit und deren Komplexität unserer Mitmenschen zu begreifen und engere Bindungen einzugehen. Das ist meines Erachtens nicht unbedingt gesund, möchte man als Persönlichkeit doch wahrgenommen und verstanden werden. Und ohne engere Bindung im sozialen Umfeld, wird das auch nicht passieren und so wird man immer lauter werden, um das zu kompensieren – wenn man das kann. Das lässt sich sicherlich nicht so verallgemeinern, aber das ist mein Eindruck zur Zeit. Ich denke, wir verschwenden zu viel Zeit mit Nebensächlichkeiten und sollten offener sein für die Gedanken und Gefühle anderer und ihnen mehr Bedeutung beimessen!

 

BODYSTYLER: Dient der Song als äußere oder auch als innere, als Art Selbstkritik? Würdest Du Dich da mit einbeziehen?

 

KAI HAHNEWALD: Naja, Kritik eigentlich nicht. Für mich war das eher eine Bilanz. Ich unterscheide mich da nicht sonderlich von anderen. Ich habe festgestellt, dass mir mit der Zeit viele Menschen aus meinem räumlich näheren Umfeld wesentlich ferner sind, auf emotionaler Ebene, als Menschen denen ich mich sehr verbunden fühle, wo die örtlich geprägte Distanz die Beziehung bestimmt. Da bekommen ganz profane Dinge wie Zeit und Kommunikation einen ganz anderen Stellenwert und auch Sehnsüchte und Bedürfnisse verschieben sich und erhalten eine neue Qualität. Man geht anders miteinander um, behutsamer, man achtet mehr auf den anderen und versucht seinerseits deutlicher, offener und weniger oberflächlich zu sein. Auch der Umstand, dass man einfach „abgeschaltet“ werden kann, hat einen starken Einfluss auf die Wertigkeit eines solchen Bezugs. Manche Gedanken dazu erschienen mir zunächst absurd, aber über die Zeit und dank der Musik fanden sich immer mehr Gelegenheiten, mehr oder minder tief, das Ganze zu analysieren. Man lernt sehr viel. Nicht nur über Menschen und andere Kulturen, Sichtweisen, sondern auch viel über sich selbst und auch, dass man sich gar nicht so sehr von Menschen unterscheidet, die am gegenüberliegenden Punkt auf der Erde geboren und sozialisiert wurden. Ich fand das dann so interessant, dass ich mich entschloss, darüber ein Album zu schreiben.

 

BODYSTYLER: Jeder hat sein eigenes Drama. Niemand achtet auf die persönlichen Tragödien des anderen. Hysterische Gesprächsfetzen, Streitgespräche, Wirrwarr („Sometimes I Wish To Evaporate“). Ist das nicht beängstigend? Jeder ist in der Masse allein. Wie empfandest Du die Situation, die Atmosphäre beim Produzieren?

 

KAI HAHNEWALD: Ja, die Einsamkeit in der Masse ist so ein persönliches Thema. Mir hat die Arbeit an dem Album geholfen, so ein paar Dinge aus der Vergangenheit zu verarbeiten und abzuschließen. „Sometimes I wish to evaporate“ ist da so ein Punkt. In meiner Kindheit gab es eine Zeit, die sehr von Gewalt geprägt war. Nicht unbedingt gegen mich, aber ich war sehr oft Zeuge und musste mich dem ergeben, weil ich nicht gewusst habe, wie ich dazu beitragen kann, die Situation zu lösen. Ich habe mich damals immer gefragt, warum man solche Ausnahmezustände ertragen muss und sich dem nicht einfach entziehen kann. In meiner kindlichen Naivität hielt ich das Verschwinden, ähnlich dem von Wassertropfen am Fenster nach dem Regen, durchaus für eine erstrebenswerte Lösung. Beim Schreiben an dem Song habe ich versucht, eine ähnliche Atmosphäre zu erzeugen. Zunächst Instrumental, weil mir der Gedanke wirklich Sprachsamples zu benutzen, zu plakativ erschien. Am Ende war mir die instrumentale Lösung aber nicht deutlich genug. Ich habe das dann zweigeteilt, da man, obwohl man sich physisch nicht immer aus solchen Situationen befreien kann, das auf mentaler Ebene doch tut.

 

BODYSTYLER: Ich finde das Cover, sowohl innen als auch außen, sehr passend. Wie bist Du auf die Idee gekommen?

 

KAI HAHNEWALD: Ich denke, jeder Mensch hat eine Ist-Situation und ein Ideal. Diese sind meist nicht deckungsgleich. Das wollte ich mit dem Cover einfangen. Außen ist das Ist und innen das Ideal. Also in dem Falle meins. Nun mag man sich fragen, warum das Ist so hell erstrahlt und das Ideal so düster erscheint. Ganz einfach: das Ist ist mir vertraut. Das Ideal, bis auf meine Vorstellung, eher unbekannt. Ferner verändert sich das Ideal permanent in Anhängigkeit vom Ist-Zustand. Wir brauchen beides, um uns bewegen und entwickeln zu können und dafür dürfen sie sich nicht decken. Wichtig war mir auch der Bezug zum Albumtitel und zum Thema. Ich habe das mit Nicola Borg viel diskutiert und sie hat das dann am Ende auch genau auf den Punkt gebracht.

 

BODYSTYLER: War der Albumtitel oder waren die Produktionen zuerst da?

 

KAI HAHNEWALD: Das Thema war zuerst da. Damit dann wenig später auch der Albumtitel. Ich brauche immer ein Thema und einen Arbeitstitel, um den Faden nicht zu verlieren. Und in diesem Fall ist der Arbeitstitel auch geblieben.

 

BODYSTYLER: Wie kann man sich so eine Arbeit an einem solch ungewöhnlichen Werk vorstellen? Wie lange hast Du von der Idee bis zur endgültigen Fertigstellung gebraucht?

 

KAI HAHNEWALD: Die Arbeit war diesmal sehr schwer für mich. Ich habe zwischendurch immer mal wieder aufgehört, weil ich mir klar werden musste, wie viel ich von mir preiszugeben bereit bin. Ich wollte auf keinen Fall etwas Beliebiges machen und das Thema ließ keine Oberflächlichkeiten zu. Ich habe auch ein-, zweimal gedacht, es ganz zu lassen. Aber dann hat mich die angefangene Arbeit und das Thema immer wieder verfolgt. Letzten Endes muss man sich vor der Veröffentlichung klar sein, ob man mit dem Ergebnis leben kann. Besonders dann, wenn man so viel Persönliches dort einfließen lässt. Man macht sich verletzbar. Ich habe gut drei Jahre gebraucht, um die Musik fertig zu stellen – immer mit Unterbrechungen. Aber letzen Endes war die Zeit notwendig, auch, um mir selbst klar zu werden, was ich da tue.

 

BODYSTYLER: Bist Du ein Fan von George Sand?

 

KAI HAHNEWALD: Ja, das kann man so sagen. Sie war eine sehr kluge Frau mit einem eigenen Kopf und das zu einer Zeit, in der das nicht selbstverständlich war. Ich mag Ihre Sicht auf die Zwischenmenschlichkeiten. Chopin, Liszt, Balzac, Dostojewski und Heine gehören, denke ich, nicht ohne Grund zu ihren Bewunderern. Ich fühle mich in Ihren Analysen durchaus verstanden. „Correspondance“ würde ich empfehlen mal zu lesen.

 

BODYSTYLER: Wie steht’s mit Deinem eigentlichen Projekt, S.K.E.T.?

 

KAI HAHNEWALD: Da war lange Zeit Ruhe. Ich habe die Zeit gebraucht, um „Negotiate The Distance“ fertig zu stellen. Nun ist der Kopf frei und es kann damit weitergehen. Ein Thema für das Album haben wir auch schon gefunden und sind dabei, es umzusetzen.

 

BODYSTYLER: Was wünscht Du Dir noch für dieses Jahr? Welche Hoffnungen setzt Du in die noch verbleibende Hälfte?

 

KAI HAHNEWALD: Ich selbst wünsche mir nichts. Ich würde mir wünschen, dass die breite Masse sich bewusst wird, in was für einer Zeit wir gerade leben und dass jeder einzelne die Verantwortung dafür trägt, wie es weitergeht. Im Moment habe ich eher den Eindruck, dass sich niemand dieser Verantwortung stellt und sie jenen überlässt, die ihnen damit gegebene Macht missbrauchen. Gerade jetzt ist es wichtig, zu intervenieren und die uns gegebenen demokratischen Rechte zu gebrauchen. Wir sind nämlich dabei diese zu verlieren.

 

BODYSTYLER:Vielen Dank für das Interview! Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute und mach weiter so! Es gibt viel zu wenig fruchtbare und vielseitige Musik!

 

KAI HAHNEWALD: Ich bedanke mich für alles!

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Source: Bodystyler-Magazin